Berufliche Zufriedenheit über Umwege

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Lesedauer: 4 Minuten

Eine Userin berichtet, wie sie über den Umweg nach Thailand von technischen Berufen zur ganzheitlichen Arbeit mit Menschen gekommen ist, um berufliche Zufriedenheit zu erlangen.

Manche Menschen wissen schon als Kind, was sie einmal werden wollen oder wie ihr Leben verlaufen soll. Märchenschloss, Prinz*essin, Feuerwehrmann, was auch immer. Ich glaube, ich hatte nie eine Vision in diese Richtung. Mich hat mal die eine Sache interessiert, dann wieder eine ganz andere.

Aber was auch immer es gerade war, es war für mich immer vorstellbar, den Weg in diese Richtung zu gehen. Mich auf etwas festzulegen, war nie so meines. Also – mich langfristig festzulegen. Kurzfristig hätte ich dafür Berge abgetragen. Aber langfristig? Es gibt doch so viele spannende Dinge auf dieser Welt, die erkundet werden wollen…

Und genau so ist mein Berufsleben verlaufen. Kunterbunt, oftmals auch dunkelgrau bis schwarz, aber immer in Bewegung. Und bei Bewegung bin ich dann auch gelandet. Indirekt. 

Alleinerziehend und auf Sicherheit bedacht

Mein Start ins Berufsleben begann Ende der 80-er Jahre in der Zahntechnik. Nach vier Jahren Ausbildung bin ich nach Wien umgezogen. Ich habe einen Sohn bekommen und war alleinerziehend. Sicherheit war meine oberste Prämisse. Gedanken über die berufliche Zufriedenheit und „Was will ich eigentlich?“ waren wohl erlaubt, aber nicht vorhanden. Mein Leben war schön, aber fordernd.

Ein Tag, der alles änderte

Bis der Tag kam, an dem ich am Weg ins Labor plötzlich keine Luft mehr bekam. Als hätte mir jemand die Hände um den Hals gelegt und fest zugedrückt. Da ging dann plötzlich nichts mehr. Nichts mehr war normal.

Mir war klar: Jetzt heißt es umdenken. Um mich wieder zu spüren, habe ich damals eine Ausbildung in traditioneller Thaimassage gemacht. Ich habe aber nie in diesem Bereich gearbeitet, weil ich dazu gar nicht wirklich in der Lage gewesen wäre.

Der Wunsch, am Leben teilzuhaben

Aber ich kam wieder ins Spüren und raus aus diesem Nebel des Burnouts und der Depression. Und auch raus aus der Zahntechnik. Ich wollte nicht mehr im Kammerl sitzen und den Keramikpinsel schwingen. Ich musste unter Menschen. Ich wollte wieder am Leben teilhaben. So richtig mittendrin sein. 

Medizin hat mich immer interessiert. Schon als Kind durfte ich mit meinem Vater in den Ferien mit in die Krankenhäuser, die er als medizinischer Techniker aufsuchte. Ich konnte in den Labors sitzen und den Medizinisch-technischen Assistent*innen beim Arbeiten zusehen. Zusehen, wie sie Patient*innen Blut abnahmen. Ab und an durfte ich dann auch irgendwo ein bisserl mithelfen.

Neue Schritte im Gesundheitsbereich

Dass es mich später in die medizinische Richtung gezogen hat, kam also nicht völlig aus dem Nichts. Und so bin ich in einer dermatologischen Praxis gelandet. Nie werde ich meinen ersten Tag dort vergessen, als ich mitsamt meiner Angst vor Spritzen am OP-Tisch stand, um zu assistieren. Mein einziger Gedanke war „Ich kann jetzt die Augen davor schließen. Ich kann sie offen lassen, zusehen und umfallen – oder ich halte es aus“.

Ich habe es ausgehalten. Nein – ich habe es lieben gelernt. Aber ich war spürbar noch nicht am Ziel. Wenn operieren „im Kleinen“ schon Spaß macht, dann bringt es „im Größeren“ noch mehr Spaß, war meine Devise. Also habe ich die Ausbildung zur Operationsgehilf*in gemacht. Ein ausgewiesener Männerberuf, aber derlei Umstände haben mich noch nie abgehalten.

Zurück in die Ordination

Was mich jedoch davon abhielt, diesen Beruf nach der Ausbildung auszuüben: Ich bemerkte, wie ich von Tag zu Tag abstumpfte. Zwar hatte ich in den ersten Wochen im Krankenhaus regelrecht Ehrfurcht vor dem Leben. Ich empfand extrem viel Dankbarkeit davor, wie gesund ich und mein Sohn waren.

Aber nach einigen Wochen war davon nichts mehr zu spüren. Da war der Körper nichts als ein Körper und kein menschliches Schicksal mehr dahinter erkennbar. Ohne einer solchen Abgrenzung kann man vermutlich in diesem Bereich nicht arbeiten. Aber ich wollte nicht so werden. Also zurück in die Ordinationen. 

Plastische Chirurgie, Kinderheilkunde, interne Medizin, Allgemeinmedizin – ich hab mich in alle Richtungen versucht. Letztendlich bin ich in der physikalischen Medizin gelandet. Aber auch dort ging es wieder ausschließlich um den Körper. Niemand konnte sich die Zeit nehmen, um den Menschen im Ganzen zu erfassen.

Der Wunsch nach einer Auszeit

Erneut wurde mir klar, dass ich das zwar eine Zeit lang machen und durchhalten könnte. Aber ich kannte die Konsequenzen schon, die solche Durchhaltversuche auf meinen Körper hatten. Berufliche Zufriedenheit fand ich also auch über diesen Weg nicht und mir gingen die Ideen aus. Mir war bewusst, dass ich eine Auszeit brauchte, um mir darüber klar zu werden, was ich wollte. 

Mein Sohn war mittlerweile in einem Alter, in dem es mir möglich war, das Land für eine Weile zu verlassen. Aber was tun? Wohin gehen, um was zu machen?

Bei mir selbst und in meiner Berufung angekommen

Eine Bildungskarenz war die Lösung. Ein angedachtes humanitäres Projekt in Afrika als OP-Gehilfin erwies sich aber leider nicht als umsetzbar. Aber: Da war ja noch die Thaimassage. Also führte mich mein Weg nach Bangkok in eine Massageschule, um das benötigte Zertifikat zu bekommen.

Von dort reiste ich in den Norden Thailands zu den Weisen, die in den Tempeln arbeiten und keine Zertifikate ausstellen. Dort ging mir das Herz auf. Ich kam an. Bei mir selbst und in der Thaimassage. Das war mein Weg: Die Menschen endlich ganzheitlich wahrnehmen zu können.

Zurück in Wien stellte sich allerdings die Frag: Wie setze ich das um? Was tue ich jetzt mit meiner Erkenntnis? Ich und selbstständig? Wie mach ich das? Was brauche ich dafür? Das kriege ich niemals hin! Ich habe mir ein Businesscoaching gegönnt und mir mit Unterstützung alle Steine angesehen, die in meinem Weg lagen. Dann habe ich mich auf das Wagnis Selbstständigkeit eingelassen.

Andere Menschen auf ihrem Weg begleiten

Heute betreibe ich seit neun Jahren meine One-Woman-Praxis und begleite Menschen auf ihrem Weg durchs Leben. Es ist total erfüllend und spürbar mein eigener Weg. Wenn es mir doch mal zu eng wird in der Stadt, gehe ich auf Reisen und male.

Aktuell läuft eine kleine, feine Ausstellung mit meinen Bildern. Malen und Reisen sind ein wunderbarer und auch notwendiger Ausgleich. Ich habe meine Balance und berufliche Zufriedenheit gefunden, bin dafür unendlich dankbar und es erfüllt mich, andere Menschen auf genau diesem Weg begleiten zu können und zu dürfen.


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