Wie ich zu einem Aufräumcoach wurde

Aufräumcoach im Kinderzimmer
Regina Halbauer während der Arbeit Foto: Barbara Bruckbauer

In dieser Geschichte ist nichts konventionell. Weder der Karriereweg, noch der Beruf. Eine Userin erzählt uns, wie sie zu ihrem Traumberuf – dem Aufräumcoach – kam.

In Handarbeiten mäßig begabt, besuchte ich nach dem Pflichtschulabschluss eine Fachschule für Damenkleidermacher. Das Nähen machte mir schon Spaß, aber der Gedanke diesen Beruf einmal wirklich auszuüben kam mir nie. Ich wollte viel lieber „ins Büro“. In der Fachschule wurden wir auch in Buchhaltung, kaufmännischem Rechnen und Schriftverkehr unterrichtet. Doch dann wurde mir halb im Scherz in einem Vorstellungsgespräch gesagt: „Na, dass Sie uns nicht Soll und Haben mit Nadel und Faden verwechseln…“ Das reichte, um mir meine Träume auszutreiben.

Ich bekam eine Stelle in einer Änderungsschneiderei in einem Bekleidungsgeschäft. Mein Filialleiter entdeckte schnell meine soziale Kompetenz und nach kurzer Zeit wurde ich nur mehr in den Verkauf eingeteilt. Was mir nicht ungelegen kam, weil ich nicht mit Leib und Seele Schneiderin war.

Endlich der Bürojob!

Nach circa 15 Jahren im Verkauf bekam ich von einer Freundin das Angebot, in ihrer Firma als Büroangestellte zu beginnen. Das stellte mich vor einige Herausforderungen. Computer waren mir fremd und sie handelte mit lichttechnischen Geräten. Vorschaltgeräte, Zündgeräte und Hochvolt-Halogenlampen waren nun mein neues Betätigungsfeld. Zu Beginn war ich einige Male drauf und dran, alles hinzuwerfen. Unsere Kundinnen und Kunden hatten alle ein großes Fachwissen, was sollte ich ihnen als Schneiderin noch erklären? Dank meiner Chefin lernte ich aber schnell dazu und nach kurzer Zeit wurde ich von den Kunden akzeptiert. Ich war zufrieden mit meinem Arbeitsplatz und meinem Beruf. Gefühlt hätte ich für immer dortbleiben können. Allerdings erkrankte meine Freundin dann schwer. Im September 2009 bekam ich die Kündigung, meine Freundin war nicht mehr in der Lage, die Firma weiter zu führen. Mir machte die ganze Situation sehr zu schaffen, ich bekam gesundheitliche Probleme und wollte mit der Lichtbranche nichts mehr zu tun haben.

Also zurück zu den Wurzeln: in den Verkauf! Ich bekam sofort einen Job in dem Bereich. Ich erholte mich, verrichtete alle Arbeiten zur vollsten Zufriedenheit meines Arbeitgebers. Mir ging es mit der Zeit immer besser. Dann kam die Langeweile.

Aufräumcoach bei der Arbeit
Foto: Barbara Bruckbauer

Selbständig machen – aber womit?

Okay, mit 52 Jahren was will man da noch machen? Bekannte rieten mir, die acht Jahre bis zur Pensionierung „auszusitzen“. Das war aber ganz gegen meine Natur.

Ich dachte daran, mich selbständig zu machen. Die große Unbekannte war: womit denn? Ich fragte mich, wo meine Stärken liegen. Ich konnte nähen. Ich hatte ein gutes Gefühl für Mode und konnte gut mit Menschen umgehen. Ich war sehr strukturiert und organisiert im Büro. Und das machte ich sehr gerne – unser Büro war eines der ordentlichsten weit und breit. Und ich wollte einen Beruf, der mir Freude bereitet.

Im Sommer half ich einer Freundin beim Übersiedeln. Es machte mir großen Spaß, Dinge auszusortieren, die nicht mehr gebraucht wurden. Nachdem sie von einem großen Haus in eine viel kleinere Wohnung zog, musste einiges reduziert werden. Bei dieser Arbeit blühte ich auf. Ich vergaß Zeit und Raum. Aber konnte man daraus einen Beruf machen? Sehr wohl!

Im März 2016 meldete ich meinen Beruf mit dem Teilgewerbe „Änderungsschneiderei“ an. Änderungsschneiderin deswegen, weil es meinen Beruf einfach noch nicht gab. Aber ich wusste genau, was ich wollte! Aussortieren und den Menschen damit helfen, ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen.

Ich arbeitete nebenbei immer noch im Verkauf. Mit der Geschäftsleitung abgesprochen, hatte ich die Arbeitsstunden reduziert, damit ich nebenbei Kleiderschränke aussortieren konnte.

Aufräumcoach
Foto: Barbara Bruckbauer

„Und das braucht auch jemand?“

Ich war auf Veranstaltungen und Messen, um bekannter zu werden. Und jedes Mal kam die Frage: „Und das braucht auch jemand?“ Aber die Zeitungen wurden auf mich aufmerksam. Ich hatte einen originellen Namen, und einen noch originelleren Beruf, also wurde über mich berichtet.

Im Sommer 2018 wollte ich mein Gewerbe meiner Arbeit entsprechend umbenennen. Durch Zufall fand mein Betreuer bei der WKO den „Aufräumcoach“. Wir waren beide sehr überrascht, aber das Gewerbe wurde gleich umgemeldet.

Ich wurde bekannter, Aufträge kamen langsam herein und meine Stunden im Verkauf wurden weiter reduziert. Und so hätte ich bis zu meiner Pensionierung weitergemacht. So war zumindest mein Plan.

Im Jänner 2019 wurde Marie Kondo in Europa bekannt. Die Netflix-Serie schlug ein wie eine Bombe und plötzlich wusste jeder, was ich mache. Ich wurde in den Medien herumgereicht und jeder war neugierig, was den „sonderbaren Beruf“ ausmacht.

Mit der Neugier der Medien kamen auch die Kunden. Auf einmal musste man sich nicht mehr schämen, wenn man einen Aufräumcoach buchte.

Die Community

Auf Facebook und Instagram fanden sich andere „Ordnungscoaches“ und im Sommer 2019 trafen sich die Kolleginnen aus Österreich zu einem ersten Kennenlernen. Gemeinsam mit der WKO haben wir für den Aufräumcoach das eigene Berufsbild entwickelt. Darauf sind wir sehr stolz. Wir sind zwar noch nicht viele in Österreich, aber das wird sich ändern. So gibt es in Deutschland und in der Schweiz schon viele Kolleginnen, mit denen wir uns immer wieder einmal austauschen. Jede von uns hat ihr „Spezialgebiet“, welches sie besonders gerne organisiert.

Aufräumcoach bei der Arbeit
Foto: Barbara Bruckbauer

Obwohl ich den Namen Schrankflüsterin gewählt habe, organisiere ich nicht nur diese. Ich bin genauso in unordentlichen Büros anzutreffen. Aber auch Dachböden, Keller und Kinderzimmer werden von mir neu strukturiert. Meine jüngste Kundin war acht und die Älteste 83 Jahre alt.

Meinen Job im Verkauf habe ich im Mai 2019 an den Nagel gehängt, und ich arbeite seither ausschließlich als Ordnungscoach. Ich wurde beim AMS mit meinem Konzept in das Unternehmergründungsprogram aufgenommen.

Obwohl ich in meinem Beruf sehr viel aussortiere, ist es mir ein Anliegen, dass so viel wie möglich weiter verwertet wird. Ich habe Kooperationen mit karitativen Organisationen, die fast jedem aussortierten Teil eine zweite Chance geben.

So habe ich schließlich meinen Traumberuf als Schrankflüsterin gefunden.


Regina Halbauer ist Aufräumcoach und lebt mit ihrem Mann im Wienerwald. Unter www.dieschrankfluesterin.com findet man alle Details zu ihren Angeboten.


Zum Thema:

Sie haben auch eine Geschichte zu Ihrem beruflichen Werdegang und wollen diese mit der STANDARD-Community teilen? DER STANDARD veröffentlicht jeden Monat eine Karriere-Usergeschichte.

So machen Sie mit:

  • Schicken Sie einen kurzen Text zu Ihrer Geschichte und Bilder Ihrer typischen Arbeitsutensilien von sich an Ihrem Arbeitsplatz oder während des typischen Arbeitsalltags per E-Mail an: stellungswechsel@derStandard.at.
  • Sobald Ihre Geschichte ausgewählt wurde, meldet sich ein STANDARD-Mitarbeiter bei Ihnen. Im Anschluss schreiben Sie dann einen Artikel (maximal 6.000 Zeichen) auf jobs.derStandard.at.
  • Jeden Monat wird eine neue Geschichte auf jobs.derStandard.at präsentiert.

DER STANDARD freut sich schon auf Ihren Beitrag!

Teilnahmebedingungen:

Das von dem User/der Userin gelieferte Text-, Bild- und Videomaterial kann von DER STANDARD online, gegebenenfalls in Print und auf den Social-Media-Kanälen von DER STANDARD vollständig und unbeschränkt verwendet werden.

DER STANDARD behält sich die Vornahme von Änderungen an dem übermittelten Material vor.

Der User/die Userin stimmt zu, dass er oder sie von DER STANDARD online, gegebenenfalls in Print und auf den Social-Media-Kanälen von DER STANDARD namentlich erwähnt werden darf.