Mit 49 den sicheren Job über Bord geworfen

Foto: Christine Miess
Lesedauer: 5 Minuten

„Sorry für die Störung, aber ich muss das jetzt schreiben: Kennen Sie das Gefühl locker und frei zu sein und die ganze Welt umarmen zu können? Genau so geht es mir jedes Mal, wenn ich bei Ihnen war. Vielen Dank dafür!“ Eine kleine SMS – ein großes Lächeln. In solchen Momenten weiß ich warum ich mich entschieden habe, noch einmal von vorne anzufangen.

Ich lernte mit meinen Händen zu kommunizieren

27 Jahre beschäftigte ich mich mit Kommunikation. Ich war Journalistin, Pressesprecherin, Unternehmens-Sprecherin, Content-Managerin und hab in die PR geschnuppert. Davon 18 Jahre bei der Stadt Wien. Ein sicheres Ticket bis zur Pension, so der einhellige Tenor und der entmutigende Beisatz „Ich würde mich das nicht trauen.“ Dennoch habe ich mit 49 Jahren mit meinem bisherigen Berufsleben gebrochen.

Mittlerweile bin ich „nur“ mehr Shiatsu-Praktikerin. Andere beeindruckt das viel weniger als mein Kommunikationsberuf es tat. Ich arbeite am Boden statt am Schreibtisch und versuche mehr zu spüren und weniger zu denken. Mein Lehrer hat zu Beginn meiner Ausbildung gemeint: „Jetzt wirst du lernen mit deinen Händen zu kommunizieren.” Und ich erlebe Tag für Tag wie diese Hände, die früher die Tastatur bedient haben, auf einmal Stagnationen lösen, Energie fließen lassen und Menschen beim Gesundwerden unterstützen.

Körpertherapie für einen verkopften Kommunikationsmensch

Seit drei Jahren habe ich kein sicheres Einkommen mehr, verdiene deutlich weniger, muss mir Urlaube, Krankenstände selbst finanzieren und kämpfe mit meinen variablen Arbeitszeiten, die sich nicht und nicht in eine gemütliche Form gießen lassen wollen. Dafür kann ich niemand anderen die Schuld in die Schuhe schieben. Denn ich wollte es noch einmal wissen. Ich, verkopfter, körperferner Kommunikationsmensch entschied mich zum Befremden all meiner Freunde und Bekannten dafür, mein Geld künftig mit Shiatsu zu verdienen.

Nein, es gibt doch einen Schuldigen: meinen Nacken. Er schmerzte hartnäckig bei jeder Drehung und schien sowohl gegen Massagen als auch osteopathische Heilungsversuche immun zu sein. Schließlich pilgerte ich hoffnungsvoll zu einer Shiatsu-Praktikerin. Ich erinnere mich nicht mehr wie es meinem Nacken nachher ging. Was allerdings bis heute in meinem Gedächtnis blieb, war das Gefühl, Bäume ausreißen zu wollen, so voller Energie fühlte ich mich. Eine Liebesgeschichte nahm ihren Anfang, allerdings mit kleinen Kommunikationsproblemen. Die Therapeutin sprach von Wasser, Holz, Stagnation, Meridianen und anderen Aliens. Ich versuchte zu verstehen, fragte nach, immer wieder – bis sie vorschlug, ich solle doch eine Shiatsu-Ausbildung beginnen. Nur ein Jahr zur Selbsterfahrung, als eine Art Körpertherapie für den Kopfmenschen. Warum nicht! An meinem Schnuppertag in der International Academy für Hara Shiatsu stand ich erstmals mit meinen Füßen auf einem anderen Menschen ohne Umzufallen und ohne ihm weh zu tun. Und es hat sich „wow“ angefühlt!

Den Kopfschmerz am Fuß packen

Aus einem Jahr wurden drei und die Welt von Yin und Yang, Meridianen, den fünf Elementen und der Traditionellen Chinesischen Medizin eröffnete mir einen weiten, offenen Blick auf den Menschen und die Vorgänge im Körper. Ich lernte, was es bedeutet eine individuelle „Diagnose“ zu erstellen und, dass es nicht DIE eine Behandlung gegen Kopfschmerz gibt, sondern, dass ich zuerst herausfinden musste, woher der Kopfschmerz kam und wo er sich manifestierte. Und, dass es manchmal sinnvoll ist bei Kopfschmerzen an den Füßen zu arbeiten, – aber eben nicht immer. Ich suchte nach einer Formel, die ich in eine Lade stecken und nach Belieben wieder rausholen konnte. Vergebens. Meine Logik, die treu Hand in Hand mit mir bis jetzt jede Hürde meisterte, war an ihre Grenzen gestoßen. Ich musste lernen, zuerst den Menschen zu begreifen, um ihn behandeln zu können. Das ist jetzt einige Jahre her und ich lerne noch immer. Das wird wohl nie aufhören.

Abschied von meinem „Marktwert“

Den Job bei der Stadt Wien aufzugeben, fiel mir schwer. Es hieß auch Abschiednehmen von dem, was mich bisher ausgemacht hatte. Raus aus der Komfortzone, hinein ins eiskalte Wasser. In deinem Alter? Was machst du, wenn es nicht funktioniert? Wer nimmt dich dann noch? Kannst du davon leben? Viel Futter für meine Angst. Die Angst zu versagen. Die Angst, nie mehr wieder zurück zu können. Ich bin trotzdem gesprungen. Und das Wasser war wirklich kalt.

Es brauchte einen langen Atem, Optimismus oder auch Glauben, ein gut genährtes Sparschwein und eine gewisse Gelassenheit. Langsam wird das Wasser wärmer. Es gibt Tage, an denen ich denke, es wäre schön, weniger kämpfen zu müssen, mehr Sicherheit zu haben. Aber dann sind da meine Klientinnen und Klienten – wie etwa ein Mann mit Burnout, der langsam die Schönheit des Lebens neu entdeckt, eine Frau in den Wechseljahren, die gerade lernt, ihren Leiden mit Gelassenheit und Humor zu begegnen oder der Manager, der erstmals die Augen schließt und sich entspannt… Manche lassen ihren Körper erzählen, manche erzählen mir selbst ihre Geschichten und ich darf teilhaben an den Veränderungen in ihrem Körper und an ihrer Genesung. Es reicht, wenn ich sehe, dass ihre Augen wieder strahlen, wenn sie meine Praxis verlassen. Es sind die vielen Begegnungen, die kleinen und großen Erfolge und vor allem die Unmittelbarkeit dessen, was ich tue, was mich am Ende eines Tages zufrieden zurücklässt.


Monika Sperber ist Shiatsu-Praktikerin. Sie lebt und arbeitet in Mariahilf in ihrer Praxis, bietet Unternehmen aber auch “Shiatsu am Arbeitsplatz” an. Unter sperber-shiatsu.at findet man alle Infos zu Shiatsu und ihren Angeboten.


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